Das integrale Framework nach Ken Wilber
Die große Leistung des amerikanischen Philosophen Ken Wilber ist die, dass er ein framework,
eine Landkarte erstellt hat, in die sich alle mir bekannten Theorien und Methoden einordnen
lassen. Das integrale Framework ist also selbst keine Methode oder Theorie, sondern eine
Meta-Struktur.
Um mit einem Bild zu sprechen: Das Framework sind die Knochen im Körper, die einzelnen
Theorien das Fleisch.
Wichtige Facetten dieses Frameworks sind:
- Evolution: Jede Entwicklung transzendiert kleinere Bauteile (Holone) zu einem neuen und größeren Bauteil, das neue Eigenschaften hat, die in den kleineren Bauteilen nicht zu finden waren.
- Perspektiven: Jede Entwicklungsstufe hat eigene Perspektiven. Auf alle Perspektiven kann man aber ein Grundraster legen: die Quadranten.
- Erkenntnisfähigkeit: Das menschliche Bewusstsein hat zwei zentrale Säulen: die Rationalität und die nicht-logische Spiritualität. Beide haben eigene Entwicklungsschritte und Herausforderungen. Dabei kann man diese Entwicklungsschritte sowohl an einem einzelnen Menschen als auch an Menschengruppen beobachten.
Das Ganze ist mehr als die Summe der Einzelteile.
Das kleinste uns bekannte Holon ist das Elemtarteilchen (Quarks, Lepton, Boson). Das
größte ist der Kosmos selbst. Holon könnte man mit Ganzheit übersetzen. Die höhere
Ganzheit schließt die kleineren Ganzheiten immer mit ein.
Alle für uns Menschen relevante Erscheinungen kann man in vier Quadranten einteilen: links oben (innen, singular), rechts oben (außen singular), links unten (innen plural) und rechts unten (außen plural). Das ist wichtig um zu wissen worüber man eigentlich spricht: Psychologie z.B. ist links oben (subjektiv, singular), Soziologie links unten, das nach außen sichtbare Verhalten ist rechts oben, die Struktur der Gesellschaft ist rechts unten (objektiv,plural).
Entwicklungslinien des Individuums sind die verschiedenen Kompetenzen, die man im Laufe des Lebens erwirbt: Klavierspielen, mathematische Bildung, Fussballspielen, moralische Entwicklung, Ausbildung, etc. Eine Fußballmannschaft entwickelt ihre Linie als Gruppe.
Transzendieren bedeutet, dass bei einer Weiterentwicklung der eigenen Weltsicht das Alte nicht als irrelevalt verworfen wird, sondern mit einer neuen Perspektive auf höherem Niveau integriert wird.
Ja, es gibt eine zentrale Richtung der Entwicklung im Kosmos: von einfach zu komplex. Nicht als festgelegtes Ziel (teleologisch), sondern als Entwicklungsrichtung ohne festgelegtes Ziel.
Ja, es gibt eine geistige Entwicklungsrichtung hin zu mehr Komplexität und Tiefe. Unsere Lebenswelt wird immer komplexer, unser Wissen immer größer. Parallel entwickelt sich im besten Fall auch eine immer komplexere und tiefere Einsichtsfähigkeit.
Rationalität, also die Fähigkeit logisch zu denken, ist eine zentrale menschliche
Fähigkeit. Mit ihr ist es möglich, vom Allgemeinen zum Speziellen zu denken (Deduktion)
und vom Speziellen zum Allgemeinen (Synthese). Rationalität ist abhängig von der Struktur
und der Ordnung im vorhandenen Wissen. Diese Struktur ist aber nicht so einfach
ersichtlich (man könnte sie mit der Grammatik einer Sprache vergleichen) und entwickelt
sich. Die Menschen vor 2000 Jahren war nicht dümmer als wir, sie hatten aber eine andere
geistige Struktur und Ordnung ihrer Lebenswirklichkeit.
Die Rationalität ist für jede Einzelpersonen oder Gruppen von Menschen individuell, ganz
egal, ob es sich um ein Dorf oder um eine Nation handelt, und doch folgt die innere
Rationalität einer Struktur, die man untersuchen und beschreiben kann. Die umfassendste
Beschreibung dieser inneren Struktur der Rationalität liefert m.E. die Spiral-Dynamik,
die ursprünglich von Clare Graves entwickelt wurde und so auch bei Ken Wilber verwendet
wird.
Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Rationalität werden der Einfachheit halber mit
Farben beschrieben: eine Gruppe von Neandertalern hätten z.B. das Niveau Beige, ein
Stadtstaat mit verbindlicher Religion das Niveau blau und eine kapitalistische
Industriegesellschaft das Niveau orange und so weiter...Es werden folgende Niveaus
geführt: beige, magenta, rot, blau, orange, grün, gelb und türkis. Für weitere
Einzelheiten siehe Spiral Dynamics
Wikipedia
und weiter unten Der momentane Zeitgeist.
Im Gegensatz zur Rationalität, die der logischen Analyse zugänglich ist, ist die
Spiritualität nur erlebbar. Man kann sich durch Techniken wie Atmen und ruhig sitzen
einen meditativen Zustand nähern, das tatsächliche Erleben dieses Zustandes ist aber ganz
individuell und nicht rational beschreibbar. Alle Beschreibungen, die sich auf die
Spiritualität beziehen, sind zu verstehen als Wegweiser, können das Eigentliche aber
nicht beschreiben.
Auch die spirituelle Entwicklung kann man in Ebenen unterteilen, Ken Wilber nutzt die
Ebenen grobstofflich, subtil, kausal und Nondual.
Der Kern der Spiritualität liegt darin, ganz im Jetzt zu sein und, gleichsam aus der
Perspektive eines Betrachters, sich selbst beim Denken, Fühlen, Reagieren und Handeln
zuzusehen, ohne direkt in Wertung zu verfallen oder das Erleben an Vergangenem zu messen
oder für die Zukunft zu bewerten. Je weniger Strukturen und Konzepte man in diesem
Zustand braucht, um das Jetzt zu erleben, desto tiefer beziehungsweise weiter ist die
Meditation.
Dabei handelt es sich essentiell nicht um einen Moment, welcher nach der Meditation
wieder vorbei ist, sondern um ein Mindset, das zunehmend das ganze Leben beeinflusst und
trägt.
Es ist auch nicht so, dass man irgendwann einfach erleuchtet ist und alles ist gut. Das
geistige Erwachen einer Person ist graduell, und es gibt Vor- und Rückschritte, und die
Herausforderungen ändern sich mit dem Niveau der geistigen Tiefe.
Erwachsen werden/sein ist m.E. entscheidend im meditativen Bereich angesiedelt.
Ich vergleiche es gerne mit einem Seifenkisten-Rennwagen: als junger Mensch ist man ganz
vorne im Cockpit, mit der Nase an der Scheibe. Jede Kurve nimmt das ganze Wesen und die
ganze Aufmerksamkeit total in Beschlag.
Später gesellt sich zu dem Kleinen ein weiterer Mitfahrer, der weiter hinten sitzt. Er
ist auch involviert, hat aber schon mehr Überblick. Mit der Zeit kommen noch ein, zwei,
drei weitere Personen hinzu. Der Hinterste hat den ganzen Parcours im Kopf, kennt das
Wetter, Bezinstand, die Position anderer Seifenkisten-Rennwägen, den Status der
Reparaturen, den Zustand der Piste, die Positionen der Zuschauer und so weiter.
Mit Verantwortung haben, volljährig sein, viel Geld verdienen oder Kinder haben hat
dieses Verständnis von Erwachsensein nur bedingt etwas zu tun.
Man/Frau könnte es vielleicht so sagen: je höher und komplexer die rational-geistige
Entwicklung fortgeschritten ist bei gleichzeitiger Tiefe des spirituellen Erlebens, desto
adäquater und ganzheitlicher kann eine Person handeln und reagieren.
Die spirituelle Entwicklungskurve entspricht der Höhe des Aussichtsturms (siehe Bild
links) und wie weit man gucken kann. Die rationale Entwicklungskurve entspricht dem
Weitwinkel und der Färbung der Linse des Fernglases. Oder umgekehrt.
Wirklich fortschrittliche Geister haben ein hohes Niveau in beiden Bereichen. Beide
Bereiche beeinflussen sich gegenseitig: fehlt das eine so wird auch das andere irgendwann
stagnieren und werden zunehmend tiefgreifende Fehler im Denken, Fühlen und Handeln
auftreten.
Die verschiedenen Entwicklungsstufen der Rationalität und Einsicht werden folgendermaßen unterteilt:
- - Archaisch: beige
- - Magische unterlegte Stammesidentität: lila
- - impulsive Ausrichtung auf Einzelperson: rot
- - kategorische Organisationen im Denken und Organisieren: blau
- - aufstrebend-wissenschaftliche Konkurrenzgemeinschaft: orange
- - konsensorientiert exklusive Gruppenmentalität: grün
- - Beginn integral komplexe Ausrichtung jenseits der vorangegangenen Stufenkonkurrenz: gelb
- - radikal inklusive Ausrichtung mit zunehmend starker meditativer Kompetenz: türkis.
Die dominante Strömung unserer westlichen Gesellschaft ist blau, changiert aber
zwischen blau, orange und grün.
Jede Stufe transzendiert die vorherige, inkorporiert sie sozusagen und ist gegenüber der
nächsthöheren Stufe zunächst blind. Die Stufen schließen sich gegenseitig aus, und diese
Stufenkonkurrenz ist der Kern des Kulturkampfes, der überall beobachtet werden kann.
Blau ist die am weitesten verbreitete Stufe: Kern ist das Denken in Kategorien wie
schwarz/weiß, gut/böse, Himmel/Hölle, für mich/gegen mich und so weiter.
Ein Mensch oder eine Gruppe von Menschen kann in einer bestimmten Situation unterschiedlich
gefärbte Positionen einnehmen, ist aber begrenzt durch die höchste Entwicklungsstufe.
In dieser blauen Entwicklungsstufe ist Christentum und Isalam fundamental dasgleiche (!),
da die Struktur des Denkens hierarchisch, richtig/falsch auf denselben blauen Prinzipien
beruht. Auch der Verwaltungsapparat, die Polizei, das Militär etc. entstammen demselben
Denkmuster. Aufgepasst: hier geht es um die grundsätzliche Struktur des Denkens, nicht die
Ausprägung im Einzelnen.
Wilber vermutet, dass es einer gewissen kritischen Größe bedarf, damit eine Stufe in der
Gesellschaft an Einfluss gewinnen kann, z.B. 10 % der Bevölkerung.
Wir stehen als politische Nation gerade an dem Übergang zwischen grün und gelb. In der
Übergangszeit kommt es meist zu Verwerfungen und alle Kräfte, die aus irgendeinem Grund
nicht die Ressourcen haben um den Übergang zu vollziehen, sperren sich oder gehen in die
Regression: vermeintlich alte, bewährte Methoden, Gedanken, Traditionen.
Dies ist gegenwärtig überall zu erkennen: AfD, Trump, Orban, Meloni, Konservatismus,
Schamanismus, Fundamentalismus etc.
An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass der Übergang von grün nach gelb einen
fundamentalen Quantensprung bedeuten wird, da die Menschheit dann zum ersten Mal die
Zonen des Kulturkampfes und der Ausschließlichkeit der Ideen wirklich verlassen kann.
Auf unserem Weg vom Kleinkind zum Erwachsenen gelingt der Übergang von einer
Entwicklungsstufe zur nächsten unterschiedlich gut. Wenn unser Gehirn neue Entwicklungen
oder Emotionen nicht integrieren kann, dann wird an dieser Stelle quasi pausiert und es
wird um diese Stelle herum gebaut. Das gelingt unterschiedich gut.
Dieser Prozeß wird von dem Neurowissenschaflter Gerald Hüther als Verwicklung
bezeichnet und bedarf in unserem Erwachsenen Ich eines Aufarbeitungsprozesses, den er
dann als Entwicklung bezeichnet. Erst bei einer ausreichenden Entwicklung kann die
Entfaltung erfolgen.
Alles davor reicht zwar aus, um das Leben zu bewältigen und eventuell auch einigermaßen
glücklich zu sein, aber das volle Potential wird erst mit der Entfaltung erreicht. Die
Gruppe solcher entfalteten Menschen darf gerne größer werden.
Traumata sind ein Spezialfall, weil für den Bereich der traumarelevanten Situation
das Gehirn nicht mehr anpassungsfähig ist, entweder durch Übersteuerung (Kampf oder
Flucht) oder Untersteuerung (Abschaltung/freeze/Erstarrung) oder Dissoziation.
Es besteht deshalb Grund zur Hoffnung für die Menschheit, weil erstmals weltweit mehrere Neuerungen zusammenkommen:
- - Östliche spirituell ausgeprägte Kulturen beginnen eine Synthese mit westlichen, mehr rationalen Kulturen.
- - Es gibt echte Chancen, den Kulturkampf und die Ausschließlichkeit der Ideen zu überwinden (s.o.).
- - Es gibt eine weltweite Vernetzung der Ideen über das Internet (kann natürlich auch destruktiv wirken).
- - Die künstliche Intelligenz kann, wenn gut aufgesetzt wie gerade zur Zeit, eine Bühne bieten, um verschiedene Ideen konstruktiv zu bewegen und einen neutralen Hintergrund zu schaffen, an dem sich alle orientieren können.
Dass das Ganze mit Gefahren verbunden ist dürfte klar sein, aber die Chancen sind riesig und die Richtung im Universum hin zu mehr Komplexität und Inklusion ist im Grundkonzept dieses Kosmos verbacken. Wir Menschen glauben häufig, der status quo wäre die Normalität. Das liegt aber nur an der Kürze unseres Lebens. Wir befinden uns in einem offenen evolutionären Prozess, bei dem die konstruktiven Elemente auf lange Sicht IMMER die Oberhand behalten werden. Ausser die Welt geht unter.
Anwendungsbereiche, für die das integrale Framework wichtig ist
- Kommunikation / Organisationsentwicklung: Für eine klare Verständigung zwischen Menschen und Unternehmensteilen ist es wichtig zu wissen, auf welcher Entwicklungsstufe jemand hauptsächlich denkt und fühlt. Da jede Stufe eigene Werte hat, ist ein Kommunikationsproblem zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Stufen sehr wahrscheinlich.
- Gesellschaftsanalyse: Je nachdem, auf welcher Entwicklungsstufe oder in welcher Entwicklungsebene jemand hauptsächlich denkt und fühlt, ist der gesellschaftliche Diskurs fundamental anders. Das hat Implikationen für Politik, Teilhabe, Wahlen, Integration, Zusammenhalt etc., um nur einige zu nennen.
- Game Design: Das integrale Framework als Basis für Level- und Upgrade-Mechaniken eröffnet eine neue Dimension im Gamedesign. Statt linearer Progression entwickeln sich Spieler durch qualitativ unterschiedliche Bewusstseinsstufen und -ebenen: jede mit eigener Logik, eigenen Stärken und eigenen Blindstellen. Gamerpersonas werden kongruenter mit realen Persönlichkeiten; Avatar und Handlung stiften mehr Sinn und Realitätsbezug. Das Potenzial reicht bis zur Integration biometrischer Feedbacksysteme, die den nicht-rationalen Teil des integralen Frameworks — Atmung, Puls, Körperkohärenz — direkt in die Spielmechanik einbinden.